@ktueller "Bericht"

Unser Kinderhaus

Ein Montagmorgen um 8:00 Uhr, Schulhof der Sankt-Michael-Schule:
Etwa 10 Kinder stehen an der Seite des Schulhofs und beratschlagen, wer wohl gleich mit dem Kinderhaus-Bus mitfahren darf. Dieser hat genau sieben Sitzplätze und am Freitag ist geklärt worden, wer an diesen Montag in der Schule bleiben muss. Doch vielleicht war ja ein Wunder geschehen? Vielleicht war auch jemand krank? Oder...?
Seit Februar dieses Jahres fährt die Seiteneinsteiger-Klasse der Sankt-Michael-Schule jeden Montagmorgen in das Kinderhaus Luise Winnacker in Wuppertal-Sonnborn. Zwei Schüler werden von einem Nachbarn mit dem PKW direkt dorthin gebracht, drei Schüler dürfen von zu Hause aus mit der Schwebebahn dorthin fahren. Für die restlichen neun Kinder bleiben sieben Sitzplätze im Kinderhaus-Bus, der von den beiden Studenten Lene und Simon gefahren wird. Also verbleiben jede Woche zwei Schüler in ihren Patenklassen und arbeiten dort im Unterricht an ihren Materialien weiter. Alle anderen freuen sich auf den Besuch des Kinderhauses.
Im Kinderhaus werden die Kinder von den Lehramtsstudenten Lene und Simon, dem Marokkanischen Koch Noureddine und einigen wechselnden Praktikanten sowie der Klassenlehrerin betreut. Hier wird gefrühstückt, gespielt, getobt, geredet, diskutiert, gelernt, gearbeitet, gekocht, gebacken, gemalt, geklettert, geweint, gestritten, getröstet, verziehen, gelacht... Nur eins gibt es nicht: Hier wird keiner alleine gelassen. Dies bedeutet gerade für zum Teil stark traumatisierte Flüchtlingskinder eine Sicherheit, nach der sie sich sehnen.
Das Kinderhaus nimmt eine sehr große Bedeutung im Schulleben dieser Kinder ein. Dies macht sich in ganz unterschiedlichen Bereichen bemerkbar:
  • Die Schülerinnen und Schüler freuen sich die ganze Woche auf den Besuch im Kinderhaus. Es gibt den Schülern ein Erlebnis, von dem sie den Kindern in den Patenklassen gerne erzählen. Während die anderen Kinder Montagmorgens im Erzählkreis vom Wochenende berichten, erzählen diese Kinder dienstags vom Kinderhaus. Kinder, die nicht mitfahren durften fragen sofort, was am  gestrigen Tag dort erlebt wurde. Es gibt den Seiteneinsteiger-Kindern ihren eigenen kleinen Raum, etwas Besonderes, was die Regelklassenkinder in dieser Form nicht kennen, wo aber alle Schüler und Schülerinnen gerne zuhören und nachfragen.
  • Das gemeinsam Erlebte stärkt den Zusammenhalt der Seiteneinsteiger-Klasse. Die Schülerinnen und Schüler wachsen zunehmend als Gemeinschaft zusammen. Sie lernen Konflikte untereinander und dann auch gegenüber anderen Kindern möglichst verbal zu lösen. Dabei ist es sehr wichtig, dass sie immer wieder gezeigt bekommen, wie dies zu bewältigen ist. Im Kinderhaus kann sowohl zeitlich als auch personell jeder kleinste Konflikt aufgegriffen und geklärt werden.
  • Durch sehr unterschiedliche Aktivitäten lernen die Kinder die Schwächen und Stärken der Mitschüler immer besser kennen. Jeden Montag kann ein anderes Kind positiv auffallen. Die Kinder lernen Unterschiede zu akzeptieren und einander bei Problemen zu helfen.
  • Die Seiteneinsteiger verfügen zum Teil über sehr geringe Deutschkenntnisse. Bei unserem Besuch im Kinderhaus wird die ganze Zeit geredet. Viele kleine Gesprächsanlässe, Spiele, Unternehmungen und vor allem eigene Ideen veranlassen die Kinder, untereinander Deutsch zu reden. Auch mit den Betreuern ergeben sich viele verschiedene Gespräche. Hier im Kinderhaus finden zum Teil Gespräche zwischen der Lehrerin und den Kindern statt, die in dieser Form in der Schule nie aufgetaucht wären. Die Kinder sind weit weg vom Druck, Leistung zu zeigen und in die deutsche Schule passen zu müssen. Hier sind sie einfach Kinder! Dieses Gefühl in Ihnen führt zu einer anderen Gesprächs- und Vertrauensgrundlage gegenüber der Lehrerin, die sich aber im  Umkehrschluss während der restlichen Zeit in der Schule sehr stark auf die Beziehung zwischen Schülerinnen und Schülern und der Lehrerin auswirkt.
  • Die Schülerinnen und Schüler der Seiteneinsteiger-Klasse lernen im Kinderhaus ein großes Stück unserer deutschen Kultur kennen. Von kleinen Beispielen wie „Essen mit Messer und Gabel“ bis hin zum gemeinsamen Kochen, Schneiden von Gemüse (Ja, genau: Auch die Jungs können das!), Tisch decken und sonstigen Höflichkeitsformen unserer deutschen Gesellschaft. Sie holen ein Stückchen deutsche Kindheit nach – vom Erlernen der Singsprüche beim Seilspringen oder Gummitwist über Fangspiele und Gesellschaftsspiele bis hin zum Inliner- oder Fahrradfahren.
  • Das soziale Engagement der Kinder wird gefördert. Sie reinigen als Wupperpaten das direkte Umfeld des Kinderhauses und pflegen die Anlage. Jeder räumt weg, was er genutzt hat und trägt seinen Teil zum Ganzen bei. (Kehren des Hofs, Reinigen der Grillanlage, Unkraut jäten, Tisch abräumen etc.).
  • Das Kinderhaus bietet durch seine Struktur Möglichkeiten projektorientiert zu arbeiten: z.B. hat die Seiteneinsteiger-Klasse auf dem Feld 11kg Erdbeeren gepflückt. Diese wurden zu Marmelade verarbeitet. Die Gläser wurden beschriftet und mit Stoff dekoriert auf dem Schulfest durch die Schüler verkauft. Zuvor hatten sie selbstständig berechnet, wieviel ein Glas Marmelade kosten muss, um die Kosten zu decken.
Für mich als Lehrerin dieser Klasse bietet der Besuch des Kinderhauses mit meinen Schülern die Möglichkeit, mit den Kindern Zeit zu verbringen sowie Gespräche zu führen, deren zeitlicher und emotionaler Umfang den Unterrichtsrahmen sprengen würden. Ich kann Bedürfnisse der Kinder erkennen und durch den hohen Personalschlüssel abdecken. Ich kann Eigenschaften der Kinder beachten und Qualitäten entdecken, die sich im unterrichtlichen Rahmen gar nicht finden ließen, da sie sich nicht nur auf das Lesen, Schreiben oder Rechnen beziehen. Ich habe eine viel größere Chance, die Schülerinnen und Schüler als Kinder wahrzunehmen und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Dies ermöglicht es den Kindern in der Klasse und letztendlich auch in der Schule anzukommen, sich sicher zu fühlen. So kann überhaupt erst eine Lern- und Arbeitsatmosphäre entstehen, die sich sehr positiv auf das Lernverhalten der Kinder auswirkt. Während vorher viele Schüler Schwierigkeiten hatten unsere Sprache sprechen zu können, entwickelt sich nun bei den Kindern das Sprachvermögen so unglaublich schnell, dass sie anschließend und parallel dazu sehr viel einfacher alphabetisiert werden können!
Ich hoffe, dass es mir weiterhin möglich sein wird, das Kinderhaus zu besuchen. Im neuen Schuljahr geben wir einige Kinder durch Schulwechsel und Ablauf der Förderzeit ab. Vielleicht finden wir eine Möglichkeit, in Zukunft mit allen 18 Schülern ins Kinderhaus fahren zu können. Denn die Integration in die Regelklassen gestaltet sich viel einfacher, je mehr die Kinder von unserer Gesellschaft bereits kennengelernt haben. Wenn ihnen vieles nicht mehr so fremd erscheint, verhalten sie sich sicherer und werden dann auch anders von den restlichen Kindern in der Schule wahrgenommen. Die Konflikte reduzieren sich und – Integration kann tatsächlich erfolgreich gelebt werden!

Grüße aus dem Kinderhaus
Nadja Laschet

Lehrerin der Seiteneinsteiger-Klasse an der Sankt-Michael-Schule